| Die Geschichte der großen Klavierinterpreten ist reich an Rückzügen von ihrem Instrument und von den Konzertpodien. Vladimir Horowitz kehrte immer wieder für lange Perioden seinem Instrument den Rücken, während Glenn Gould sich bis an sein Lebensende dem Konzertpublikum verweigerte. Maurizio Pollini pausierte nach dem Gewinn des Chopin-Wettbewerbs zehn Jahre, länger als diese Zeit hat Martha Argerich schon kein Solorecital mehr gegeben. Auch Dinorah Varsi hat sich im Verlauf ihrer großen Karriere diese Auszeiten gegönnt. Sie selbst empfand diese Zeit der Regenerierung zwar als "Luxus", aber auch als Phase der Neubesinnung. Wer mit vier Jahren erstmals in der Öffentlichkeit auftrat, mit acht Orchesterkonzerte in Brasilien und Uruguay gab, läuft zwangsläufig in die gefährlichen Untiefen des Übergangs vom Wunderkind zum reifen Künstler. Erich Kleiber sah als einer der ersten die große musikalische Zukunft Varsis voraus, Geza Anda wurde, nach Klavierstudien in Paris und New York, ihr bestimmender Lehrer. Es folgten Wettbewerbserfolge in Genf, Barcelona und London. Der Gewinn des Clara-Haskil-Wettbewerbs 1967 in Luzern bildete den Auftakt zu einer weltweiten Karriere mit Auftritten bei den Festspielen in Salzburg, Berlin, Luzern, Zürich, Schwetzingen, Schleswig-Holstein, Ascona, Ludwigsburg und Prag. Sie gastierte u.a. bei den Berliner Philharmonikern, dem Royal Concertgebouw Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra London oder den Münchner Philharmonikern mit Dirigenten wie Bernard Haitink, Giuseppe Sinopoli, Semyon Bychkov, Charles Dutoit, Rudolf Kempe, Paul Kletzki oder Witold Rowicki. Nach ihrem Rückzug von den Podien Ende der 70er Jahre ist Dinorah Varsi triumphal in die internationalen Konzertsäle zurückgekehrt. Mittlerweile gastierte sie u.a. wieder in Berlin, München, Prag, beim Schleswig-Holstein Musikfestival, beim Echternach-Festival oder beim Klavierfestival Ruhr. Tournéen und Konzerte mit namhaften Orchestern und Dirigenten ergänzen ihre weltweite künstlerische Tätigkeit. Es gibt nicht mehr viele Pianisten der Generation von Dinorah Varsi, die makellose Technik mit musikalischer Tiefsicht, gespeist aus einem jahrzehntelangen Konzertleben, auf den internationalen Konzertpodien demonstrieren. Varsi gehört zu der großen Interpretinnengeneration um Martha Argerich und Maria Joao Pires. Nicht zuletzt Chopin spielt in der Konzertbiografie aller drei eine wesentliche Rolle. Mit Chopin wurde Varsi groß, ihre Einspielung der beiden Konzerte auf Philips genießt noch heute legendären Ruf. Aber auch das großkalibrige Virtuosenrepertoire wie Konzerte und Solowerke von Rachmaninoff, Tschaikowsky oder Brahms stehen neben unverwechselbaren Interpretationen der Klavierkonzerte von Mozart oder Beethoven. Ihr Spiel und ihre außergewöhnliche musikalische Persönlichkeit wurden in zahlreichen Fernseh- und Radioproduktionen, in Fernsehportraits und auf CDs festgehalten. |